Wachgeküsst: Traditionsmarke Sawade

Melanie Hübel zu Gast im Zonta Club Berlin 1989

Nach guter Schokolade aus Berlin gefragt, würde ein Kenner vermutlich sofort den Namen von Berlins ältester Pralinenmanufaktur nennen. Immer schon maßgeblich zum Erfolg von Sawade beigetragen haben Frauen. Wie lässt sich ein solches Handwerk in Zeiten automatisierter Massenproduktion in die Zukunft retten? Eine Antwort darauf gab der Gastvortrag von Sawade-Chefin Melanie Hübel beim Novembertreffen des Zonta-Club Berlin 1989 im Club International.

Anregender Vortrag über einen gelungenen Turnaround. Foto|© Karin Lange

Anregender Vortrag über einen gelungenen Turnaround. Foto|© Karin Lange

Es sah nicht gut aus für Sawade. Als das Ehepaar Melanie und Benno Hübel 2013 übernimmt, ist das Insolvenzverfahren bereits eröffnet. Melanie Hübel schildert ihren ersten Fabrikbesuch. Trotz drohender Pleite: Die erfahrenen Confiseurinnen und Confiseure arbeiten damals stoisch weiter an ihren traditionell von Hand gefertigten Köstlichkeiten. Eine Etage über der Produktionsstätte liegt dunkel und verschlossen die Wohnung von Ulrich Spengler. Das Engagement der Belegschaft hat Melanie Hübel tief beeindruckt.

Die Geheimnisvolle

Längst hatte Sawade mehrere Besitzerwechsel und bewegte Zeiten hinter sich, als der Schokoladenfabrikant Ulrich Spengler die berühmte Manufaktur in den 1970er Jahren übernahm: 1880 hatte Ladislaus Ziemkiewicz sein Geschäft für feine hausgemachte Pralinen, Konfekte und Bonbons am Berliner Prachtboulevard „Unter den Linden“ eröffnet. Das Confiserie-Handwerk hatte er zuvor in Paris studiert. Mit dem Unternehmensnamen huldigte der Unternehmensgründer seiner Berliner Nachbarin Madame Marie de Savadé. Zu gerne hätte Melanie Hübel mehr über die geheimnisvolle Namenspatin gewusst. Eine Daguerreotypie aus dem Firmenfundus zeigt eine selbstbewusste junge Frau mit Bubikopf im Stil der 20er Jahre, mit Blumenschmuck am Revers und Medaillon um den Hals. Ob es sich dabei um Marie de Savadé handelt, lässt sich jedoch nur mutmaßen. Fest steht: Rasch stieg Sawade damals zu einer ersten Adresse für feinste Pralinen auf, geadelt durch den Titel „Königlicher Hoflieferant“.

Wagnis aus Verbundenheit

Mehr als 100 Jahre später befindet sich das mit mehreren Filialen in der Stadt recht umsatzstarke Unternehmen in bedrohlicher Schieflage. Aus dem Radio hatten Melanie Hübel und ihr Mann von der Suche nach einem Käufer erfahren und waren sofort hellhörig geworden. Vielleicht war eine Spur Romantik mit im Spiel, sagt Melanie Hübel, und sicher spielte auch der Lokalpatriotismus der gebürtigen Wilmersdorferin eine Rolle als sie sich auf das Wagnis einließ. Vor allem aber dürfte das Unternehmerpaar einiges an Erfahrung mitgebracht haben. Die Berliner Digitaldruckerei Koebcke Information Partners hatten die beiden zuvor zum drittgrößten Fotobuchhersteller Europas ausgebaut.

Erfolgreich im neuen Gewand. Foto vom Titelbild des Prospekts|© Karin Lange

Erfolgreich im neuen Gewand. Foto vom Titelbild des Prospekts|© Karin Lange

Würde Sawade nun den internationalen Markt erobern und seine Produktionsprozesse durchautomatisieren? Die Grafikdesignerin und ihr Mann, gelernter Koch und studierter Betriebswirt, Eltern von drei Söhnen plus „vierbeinigem Kind mit Fell“, hatten Anderes im Sinn. Nicht ohne die Belegschaft einzubeziehen, krempelten die Hübels die Ärmel hoch.

Clevere Strategie

Die bewährte Rezeptur der klassischen Sawade Pralinen ebenso wie die ausgesuchten Rohstoffe und ihre traditionelle Verarbeitung sollten auch künftig unangetastet bleiben. Von der Verpackung für die handgefertigten Genussmittel über die Kooperation mit der Komischen Oper bis hin zum neuen Flagship-Store in den restaurierten Hackeschen Höfen und einem Onlineshop verfolgt Sawade heute eine clevere Vertriebsstrategie. Und so ist der Erfolg der Pralinen und Trüffel im neuen Gewand durchaus auch ein kulturhistorischer Triumph. Erhalten werden konnte ein kulinarisches Gut jenes kosmopolitischen Berlins, das die Menschen bis heute in die Metropole zieht.

Clubpräsidentin Andrea Feth (links) bedankt sich bei Sawade-Chefin Melanie Hübel. Foto|© Karin Lange

Clubpräsidentin Andrea Feth (links) bedankt sich bei Sawade-Chefin Melanie Hübel. Foto|© Karin Lange

Ohne die Frauen geht es nicht

Neben Melanie Hübel haben viele Frauen einen beträchtlichen Anteil an dieser Entwicklung. Gefertigt werden die, auch von Hand verzierten, Pralinen überwiegend von Schokoladenexpertinnen. Frauen stellen mehr als 60 Prozent der Belegschaft. „In Marketing und Vertrieb sind es sogar 100 Prozent Frauenpower“, freut sich die Manufaktur-Chefin. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist bei Sawade längst Selbstverständlichkeit. Daran, dass auch mal die Männer übernehmen, wenn die Kinder schulfrei haben oder krank zuhause sind, arbeite sie noch, räumt Melanie Hübel ein. Da müssten sich ihr Mann und sie auch an die eigene Nase fassen. Im Gegensatz zu ihrem Mann sei sie in „Teilzeit“ für Sawade aktiv. Das klingt nach Euphemismus. Aus der 70 Prozent-Stelle werden sicher schnell 100 Prozent, die sich zusammen mit den familiären Verpflichtungen auch schon mal auf „200“addieren. Sie sagt das so nicht. Wir vermuten das nur. Melanie Hübel grinst. Tja, noch sei die Geschlechtergerechtigkeit ein ferner Traum. Aber sie freue sich darüber, dass sie da auch bei Sawade allmählich ein Umdenken wahrnimmt. Die Berliner Zontians freuen sich mit.